„Wie im Himmel“: Ein Stück über Lebensfreude und die Macht des Gesangs

05. Mai 2015 - Katharina Wildfeuer

Am 30. April 2015 präsentierte das E.T.A.-Hoffmann Theater zum ersten Mal das von Heidemarie Gohde inszenierte Stück „Wie im Himmel“ und holt damit den gleichnamigen, weltweit hoch gelobten Film von Kay Pollak auf die Bamberger Theaterbühne.

„Das Beste in der Musik steht nicht in den Noten.“ – Gustav Mahler (1860-1911)

Kay Pollaks Film „Wie im Himmel“, der 2005 für den Oscar in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“ nominiert war, bietet sich aufgrund seiner musikalischen Diversität, der Authentizität der Figuren sowie einer thematischen Tiefgründigkeit perfekt für eine Umsetzung auf der Bühne an.

Der berühmte, schwer kranke und von Musik besessene Dirigent Daniel Daréus, sehr gut gespielt von Florian Walter, ist beruflich auf dem Höhepunkt seiner Karriere angekommen. Alle Medien und Kritiker liegen ihm zu Füßen.  Er jedoch zeigt sich frustriert, aufgelöst und am Rande seiner psychischen und gesundheitlichen Kräfte. Daniel möchte die Herzen der Menschen mit seiner Musik erreichen und diese vor Rührung zum Weinen bringen. Dies sei jedoch nicht durch rein technische Geschicklichkeit und halbherzige Musik zu verwirklichen, denn für ihn ist Musik entweder ein „Ausdruck von Liebe oder ein Flehen um Liebe – und nichts anderes.“

Enttäuscht kehrt er seinem alten Leben den Rücken zu und versucht sich in der traditionell dörflichen Einöde ein neues Leben aufzubauen. Obwohl Daniel betont, er käme nur, um zuzuhören, übernimmt er schon bald die Stelle des Kantors zur Leitung des Kirchenchores, wodurch die Handlung deutlich an Tiefe und Fahrt gewinnt. Im Zentrum des Stücks steht nun das ganze Dorf mitsamt seiner grundverschiedenen Einwohner, die alle ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen haben. Der Chor stellt sich zum einen als ein Ort dar, in dem die musikalische Schönheit und Freude hervortritt und jeder einzelne seinen ganz eigenen, persönlichen Grundton findet, um dann mit den anderen Stimmen zu einer harmonischen Einheit zu verschmelzen. Zum anderen werden auch lang zurückliegende wie aktuelle Einzelschicksale der Dorfbewohner aufgedeckt, aufgearbeitet und bewältigt, sei es ein gewalttätiger Ehemann, eine unausgesprochene Liebe oder die Debatte um Lust und Sünde.

Die einzelnen Persönlichkeiten dieser divergenten Dorfgesellschaft werden im Stück gekonnt in Szene gesetzt. Schamlos, humoristisch und sehr authentisch wird durch den stark geistig behinderten Tore, bestens gespielt von Matthias Tuzar, indirekt das Thema der gesellschaftlichen Integration von Menschen mit Behinderung angesprochen. Auch die nächtlichen Kanzelgespräche zwischen dem Dorfpfarrer Stig und seiner Frau Inger über Kirchenmoral, Lust und Sünde sind sowohl bühnentechnisch, inhaltlich als auch schauspielerisch äußerst passend inszeniert.

Die musikalische Darbietung im Stück ist ein Potpourri aus Liedern unterschiedlichster Musikstile und Epochen, von Mozarts Requiem in d-Moll über Tochter Zion bis hin zu Kumbaya my Lord. Auffällig ist, dass die jeweils aktuellen Stimmungen und Gefühle der Dorfbewohner sich in deren Gesang widerspiegeln, beispielsweise führen Streitigkeiten im Chor dazu, dass viele Stimmen aufgeregt durcheinander singen. Der Zuschauer bekommt dadurch das Gefühl, dass Musik ein lebenswichtiger Bestandteil jedes einzelnen Chormitgliedes ist. Dies zeigt sich auch darin, dass ein Kaffekränzchen zur Percussion-Session ausgebaut wird oder ein feucht-fröhliches Musikfest mit Gesang, Orgel, Gitarre, Akkordeon und einer singenden Säge zu einem kompositorischen Highlight avanciert.

Das Stück teilt sich in die zwei Jahreszeiten Winter und Sommer auf, wobei die Szenen meist im Innenraum einer Kirche spielen. Das Bühnenbild wirkt dennoch abwechslungsreich, da die Requisiten während des Stücks stetig umgebaut werden und die sich drehende Kanzel sowie der sich drehende Boden für viel Lebendigkeit sorgen und kreative szenische Umsetzungen, wie beispielsweise die amüsante Darstellung einer Busfahrt, ermöglichen.

Zum Ende des Stücks werden die Möglichkeiten der Inszenierung noch einmal voll ausgeschöpft. Während der bunt gemischte Chor in einer zum Publikum zugewandten Reihe „Gabriellas Lied“ zum Besten gibt, kämpft Daniel am Rand des Geschehens mit dem Tod. Der Kontrast von Lebensfreude und Lebensende tritt hier besonders deutlich hervor und scheint sich gleichsam aufzulösen. Gleichzeitig strömen zahlreiche Chorsänger in die Zuschauertribünen, um ebenfalls in den Gesang einzustimmen und das Publikum direkt mit hinein in die intensive, von allen Seiten ertönende Klangwelt zu nehmen.

Beflügelt von der Musik und der gelungenen Inszenierung nahmen der tosende Applaus und die Standing Ovations kaum ein Ende und können als direkte Bestätigung für eine sehr geglückte Inszenierung verstanden werden.

Wer Lust hat, das Stück „Wie im Himmel“ selbst zu sehen, hat noch bis zum 21. Juni Zeit und findet die Termine und weitere Informationen auf den Seiten des Theaters.

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