Das Leben ist eigentlich schon verloren

08. Februar 2018 - Kateryna Papeta

Silov, ein sowjetischer Ingenieur Anfang dreißig, ist von seinem Leben gelangweilt. Sein Job bringt ihm keine Freude, ebenso wenig wie seine Ehe. In schneller Folge wechselt er von einer Affäre zu nächsten. Auch den Wert seiner Freunden, so gut er mit ihenn auch Witze reißen kann, erkennt er nicht immer. Das einzige Hobby, das Silov im Leben noch reizen kann, ist die Entenjagd… 

 „Entenjagd" von Alexander Vampilov wurde von der studentischen Theatergruppe ArtEast am 2. und 3. Februar in der Alten Seilerei in russischer Sprache aufgeführt. Seit Neuem hat ArtEast eine eigene Regisseurin, Katerina Shekutkovska, die auch dieses Stück inszenierte.

Alexander Vampilov, sowjetischer Schriftsteller und Dramatiker, zeichnet in seinem  Drama „Entenjagd“ den sowjetischen Mensch der 60er Jahre nach. Vampilov verweist oft auf die Nachwirkung der Dogmen von Stalins Terror auf die sowjetische Gesellschaft, die sich nach 1956 als Lüge herausstellten. Seit dieser Zeit sind Lachen und Zynismus nicht nur eine Maske geworden, sondern auch ein Versuch, den Problemen der realen Welt zu entkommen. Auf diese Weise, mit Maskerade, Schauspielerei und innerer Rebellion, begegnet auch Vampilovs Held Silov seiner Umwelt.

Der überflüssige Mensch

In der Tradition der russischen Klassiker erzeugt Vampilov einen sogenannten „überflüssigen Mensch", der entweder Bedauern oder Geringschätzung beim Zuschauer auslöst. Dieser Held kann sich nicht in gesellschaftlich bedeutungsvollem Handeln verwirklichen, langweilt sich und spürt scharf die Sinnlosigkeit des Lebens. Gleichzeitig zeichnet sich dieser Charakter durch innere Freiheit aus, die es ihm erlaubt, dem gewohnten Leben nicht zu gehorchen. Auf die Dummheit und Verlogenheit seiner Zeitgenossen reagiert er mit Zynismus, Ironie oder Fatalismus. Silov, die Hauptfigur in  „Entenjagd", ist eine Variante dieses sowjetischen „überflüssigen Menschen“ - seine Unmoral ist Rebellion gegen die Pseudomoral der damaligen Gesellschaft.
So macht Silov ständig seine Scherze und stellt sich dumm an, obwohl er eigentlich ein durchaus intelligenter Mensch ist. Hinter dieser Maske des Zynismus, des Lachens und des Leichtsinns verbirgt sich eine tragische Gestalt, die weder Liebe noch Mitgefühl empfindet, sondern bloße innere Leere und Müdigkeit. Vampilovs Held sucht nach einem Ideal, das er nicht finden kann, so treibt seine Rebellion bis ins Absurde und vernichtet letztendlich rachsüchtig alles um ihn herum.

„IST ES NICHT WITZIG?“

Das Stück beginnt mit einer Anspielung auf den Tod. Viktor Silov liegt in seiner Wohnung auf dem Boden, in den Umrissen einer Leichenzeichnung. Als er aufwacht, wird ihm anlässlich seines eigenen Todes ein Trauerkranz überbracht – eine zynische Geste von seinen Freunden, die sich auf den vergangenen Abend bezieht. Ein schlechter Scherz? Er kann letztendlich über den Witz lachen, wie über so vieles andere in seinem Leben. Der Trauerkranz steht für den geistigen Niedergang des Helden, der in weiteren Szenen in Rückblenden erklärt wird.

Die Szenen wechseln zwischen Silovs Wohnung, dem Café „Nezabudka“ und seinem Büro. Jeder dieser Orte bedeutet symbolisch den Verlust von Werten – Haus, Familie, Freunde und Liebe. Bis auf Silov sind die Gesichter aller Figuren auf ähnliche Art mit weißer Farbe geschminkt. Regisseurin Katerina Shekutkovska zeigt damit die Maskenhaftigkeit, die Verlogenheit aller Charaktere.
In jeder Szene fragt Silov nach Werten, die einen am Laufenden halten, und versucht sich über den Sinn seines Lebens klar zu werden, ohne jedoch Antworten zu finden. So ergeht er sich in Langeweile und Trübsinn. Wenn es ihm kurzzeitig doch gelingt, ehrlich mit sich selbst zu sein, verdrängt er so gewonnene Erkenntnisse rasch wieder. Nichts ist für ihn von Dauer – weder Liebe noch Familie. Auf die Nachricht über den Tod seines Vater reagiert er zuerst ernsthaft, bekennt, dass er kein guter Sohn gewesen ist – vergisst sein Bedauern jedoch schnell wieder und sucht Ablenkung bei seiner neuen „Geliebten“. Ein ähnliches Bekenntnis macht er, als er von seiner Ehefrau verlassen wird:

„Du hast Recht, alles ist mir egal, alles auf der Welt. Was passiert mit mir, ich weiß nicht ... Ich weiß nicht ... Habe ich wirklich kein Herz? Ja, ja, ich habe nichts - nur dich, heute habe ich es verstanden, hörst du? Was habe ich außer dir? Freunde? Ich habe keine Freunde ... Frauen? Ja, das waren sie, aber warum? Ich brauche sie nicht, glaub mir...? Und was noch? Meine Arbeit oder was! Ich bin alleine, allein, nichts habe ich in meinem Leben.“

Mit diesem Monolog verliert Liebe für Silov jeglichen Wert – zum ersten Mal gesteht er aufrichtig seine Gefühle, jedoch nur für einen kurzen Moment und wirkungslos, denn seine Frau ist hinter der Tür bereits gegangen. Der letzte Verlust sind die Freunde. Als Silov eine Feier anlässlich der anstehenden Entenjagd veranstaltet, erkennt er deren Verlogenheit und Ungerechtigkeit und kann sich nicht mehr zurückhalten. Betrunken beginnt er, die Anwesenden bloßzustellen. Nichts hält ihn mehr zurück, denn alles, woran er früher geglaubt hat, hat seinen Sinn verloren. Am Tag darauf erhält er als Rache den Trauerkranz.

 „Das Leben ist eigentlich schon verloren“ – sagt einer seiner Freunde, als Silov, betrunken, nicht mehr aufstehen kann.

Am Ende des Stückes ist auch Silov am Ende seines Weges angekommen, er erkennt die Sinnlosigkeit des Lebens und versucht, es durch Suizid zu beenden. Um sich an den Freunden zu rächen, macht er einen letzten makaberen Scherz und kündigt seine eigene Trauerfeier am Telefon an. Doch das Finale nimmt eine überraschende Wendung, als Silov von seinen Freunden gerettet wird. Und als Vampilovs Held sich für die Entenjagd entscheidet, erhält er zugleich die Chance auf ein neues Leben.

Bereits in der ersten Szene brandete der Applaus auf - das Publikum, so auch ich selbst, waren gleich am Anfang von der Inszenierung begeistert. Insbesondere der erste Teil zeichnete sich durch eine sehr dynamische Entwicklung der Ereignisse aus. Die Szenen wechselten von humorvoll über zynisch bis traurig, und brachten das Publikum entweder zum Lachen oder zum Nachdenken. Das Spiel der weiblichen Darstellerinnen in männlichen Rollen hätte bei einem anderem Sujet ablenken können, jedoch nicht bei diesem, wo sich die eigentlichen Charaktere hinter Fassaden versteckten. Eugeniya Ershova, die Hauptdarstellerin, hatte die schwierigste Aufgabe, einen sehr männlichen Charakter zu spielen, dies gelang ihr jedoch hervorragend. Die beiden letzten Szenen waren besonders emotional, hier war kaum noch eine Spur von der Komödie zu spüren, als die das Stück begonnen hat. Im dramatischen Finale ging es um Leben und Tod. Das Theaterstück endete in großem Applaus und jedem Darsteller wurde eine vollauf verdiente Blume geschenkt.

 

Bildnachweis: Kateryna Papeta / Carolin Cholotta