Eine Reise in eine fremde Welt - Das Große Chinesische Neujahrskonzert

So, 04/02/2018 - 10:54 - Alina Geuppert

Von Bamberg direkt nach China: Das Große Chinesische Neujahrskonzert nahm das Publikum mit überraschenden Klängen und unbekannten Instrumenten mit in das Reich der Mitte. Am 02. Februar verwandelte sich die Konzerthalle in Bamberg in ein Fernrohr, welches auch einen Blick in die Geschichte Chinas mit seinen Kriegsherren und der berühmten Handelsroute, der Seidenstraße, erlaubte.

Die Reise in die fernöstliche Musikwelt begann bereits bevor das Orchester zum ersten Ton ansetzte mit einer Präsentation der traditionellen chinesischen Instrumente. Schließlich sind die meisten verwendeten Instrumente im europäischen Raum eher unbekannt. Eine Moderatorin übersetzte die Erklärungen des chinesischen Dirigenten zu Herkunft und Verwendung der Instrumente. Die auf Grundlage traditioneller chinesischer Musik komponierten Stücke sollten mit chinesischen Blas-, Streich-, Zupf- und Schlaginstrumenten vorgetragen werden. Wie diese aber klingen würden, hätte sich der ein oder andere Zuschauer vielleicht anders vorgestellt. Sehr ungewöhnlich wirkte beispielsweise die Sheng, eine über 2000 Jahre alte Mundorgel, die zu Kriegszeiten gespielt wurde. Sie erinnert vom Aussehen - plump gesagt - an eine Suppenkelle, auf die vorne eine Miniaturorgel montiert wurde. Andere Blasinstrumente riefen Assoziationen von einem Dudelsack bis hin zu lachenden Streifenhörnchen hervor. Nur wenige Instrumente kamen dem europäischen Auge bekannt vor, wie der Kontrabass oder die Harfe.

Zwischen Drachenkämpfern und Kriegsherren - Fantasievolle Stücke mit historischem Hintergrund

Das erste Stück mit dem Titel „Die Seidenstraße“ begann mystisch. Schnell konnte man in die fernöstlichen Klänge eintauchen und befand sich nicht mehr in der Bamberger Konzerthalle, sondern in einem nebligen Wald, in dem hinter jedem Baum eine gefährliche Schlange lauern könnte. Das traditionelle Orchesterstück entwickelte zusehends an Dynamik, so dass man sich gegen Ende des Stücks wie in einem actionreichen Mangafilm fühlte, in dem man einen Drachen bekämpfen muss.

Weiter ging die Reise mit einem Stück, welches das Heimweh auf der Seidenstraße beschrieb, einer berühmten, alten Handelsstraße mit über zweitausend Jahre alter Geschichte. Eine Solistin, die später vom Orchester unterstützt wurde, strich kaum wahrnehmbar und sehr vorsichtig über ein vor ihr liegendes, harfenartiges Instrument. Melancholie, Nostalgie aber auch Vorfreude schwangen im zweiten Stück mit, so dass das Gefühl des Heimwehs sehr gut nachvollziehbar wurde.

Dass die Musiker die Geschichten, die sie erzählten, wirklich fühlen, wurde besonders beim dritten Stück deutlich. Gekleidet in traditionelle Gewänder, mit starker Gestik und Mimik wurde die Geschichte von zwei Kriegsherren erzählt, die im Jahr 202 v.Chr. die beiden Gruppen der Chu und der Han in den Krieg führten. Mit zwei Pipas - fernöstlich klingende Lauten - und zwei Percussion-Instrumenten, die wie blecherne Unterteller aussahen, wurde die Schlacht der Kriegsherren aus zeitgenössischer Perspektive interpretiert. Etwas verstörend wirkten allerdings die blechernen Percussion-Instrumente, die zwar das Messerwetzen und aufeinander Einstechen der Kriegsszenen überzeugend simulierten, auf Dauer aber etwas anstrengend waren.

Versöhnlicher wurde es wieder mit dem vierten Stück, welches das Publikum wieder auf ganzer Linie zu begeistern schien. Die Mischung aus Erzählung und Musik begann mit einer Art Jodeln und einem inbrünstigen Rufen auf chinesisch, schwang dann aber plötzlich ins Melodische, gar Rockige um. Mit einer regelrechten Rockröhre und einer kleinen Tanzeinlage überraschten die beiden Sänger; nun klang das Stück seltsam vertraut. Mithilfe eines starken Orchesterfinales, wie es dem europäischen Ohr vertrauter ist, wurde die Pause unter großem Jubel des Publikums eingeläutet.

Instrumente und Kostüme aus der Grotte

Einen Blick in die Vergangenheit erlaubte das fünfte Stück mit dem Titel „Glückseligkeit“, bei dem die Musiker in farbenfrohen Kostümen und aufwändigem Kopfschmuck 1000 Jahre alte Instrumente präsentierten. Die Vorlage für die Kostüme und die Instrumente bot eine uralte Malerei, die in einer Grotte entdeckt wurde, verriet die Moderatorin. Hier kam auch die „Suppenkellen-Orgel“ zum Einsatz, die Sheng, die gemeinsam mit den anderen, nachgebildeten Instrumenten ein harmonisches, wahrhaftig glückseliges Bild ergab.

Verträumt und leise spielte eine Musikerin in einem weißen, brautkleidähnlichen Gewand die Harfe im sechsten Stück. Unter dem Titel „Erlöser“ entwickelte sich das zu Beginn sehr zarte, wolkige Stück mit Hilfe des Orchesters in ein etwas westlich anmutendes Orchesterstück.

„Der Mondschein über der zweiten Quelle“ hieß das siebte Stück, bei dem die Erhu im Vordergrund stand, eine zweisaitige Röhrenspießlaute, die auch heutzutage noch gerne in der chinesischen Musik gespielt wird. Das Stück, so erfuhr das Publikum von der Moderatorin, ist heute nur bekannt, da es von zwei Musikwissenschaftlern auf Tonband aufgenommen und so für die Nachwelt erhalten wurde.

Mix aus fernöstlichen und bekannten Klängen

Den Abschluss machte ein traditionelles Orchesterstück in drei Sätzen. Plötzlich wie in einen Urwald versetzt wurde man im ersten Satz, dem „Gesang der Vögel“. Die überall im Konzertsaal verteilten Musiker imitierten ein aufgewecktes Gespräch zwischen Piepmätzen, wobei die mithilfe von Minipfeifen, wie man sie vom Weihnachtsmarkt kennt, produzierten Geräusche teilweise auch an lachende Affen erinnerten. Nach diesem auflockernden, sehr ungewöhnlichen Einstieg begann der zweite Satz deutlich melancholischer. Eine über einen Meter lange Flöte sowie eine kleine, aber ausdrucksstarke Flöte wurden vom Orchester begleitet. Etwas heller und freier, aber mit nachdenklichem Unterton endete der zweite Satz. Der letzte Satz fasste den bei vielen Stücken durchklingenden Mix zwischen fernöstlichen, aber auch bekannt erscheinenden Klängen noch einmal zusammen. Mit den Gefühlen von Aufbruch und Versöhnung wirkte die Musik nun wie ein klassisches Orchesterstück, welches das Publikum aber durch Instrumente wie einen riesigen Gong ein letztes Mal nach Fernost mitnahm.

Insgesamt war das Große Chinesische Neujahrskonzert im Jahr des Hundes eine ungewöhnliche, aber sehr interessante Musikerfahrung, die das Publikum zu verzaubern wusste. Die hochprofessionellen Musiker erweckten die teils uralten Geschichten zum Leben und brachten die unterschiedlichen Stimmungen der einzelnen Stücke perfekt auf die Bühne. Die für deutsche Ohren unbekannten, fernöstlichen Klänge kann man in ihrer Harmonie kaum beschreiben. Man muss sie gehört haben, um in sie einzutauchen.

Fotos: Alina Geuppert (Feki.de)