Selbstmord als Geschäftsidee

21. Januar 2019 - Enya Assmann

Am 18. Januar 2019 feierte das ETA Hoffman Theater die Uraufführung des Stückes "Leere Herzen", nach dem gleichnamigen Roman der erfolgreichen deutschen Autorin Juli Zeh. Eine erschreckende Zukunftsvision, in der der Glaube an die Demokratie zusehends verschwindet.

"Deutschland 2025. Angela Merkel ist schlussendlich doch noch als Kanzlerin abgelöst worden, von der Besorgte-Bürger-Bewegung […] Britta leitet zusammen mit ihrem schwulen Freund Babak eine Agentur, die, getarnt als psychotherapeutische Praxis für suizidgefährdete Menschen, weltweit Selbstmordattentäter an Terrororganisationen vermittelt." (ETA Hoffmann Theater)

In der Eröffnungsszene befinden sich Britta (Ewa Rataj), ihr Ehemann (Daniel Seniuk) und ihre Tochter in ihrer hochgradig modernen Wohnküche, die aufgeräumt und ohne Ecken und Kanten eine beinahe klinische Sauberkeit ausstrahlt. Brittas beste Freundin Janina (brillant - Anna Döing) und deren Mann Kurt (Stefan Hermann) kommen gemeinsam mit ihrer Tochter zu Besuch. Es wird sich über die aktuellen Jobaussichten unterhalten und über das fünfte Effizienzpaket der BBB. Politischer Diskurs im bürgerlichen Rahmen.

Das Bühnenbild und die Kostüme von Martina Suchanek sind perfektionistisch real, das Brummen der Hightech Kaffeemaschine, die Granitarbeitsplatte. Oberflächliche Dialoge mit harmlosen Scherzen, die allen Menschen durchaus bekannt sind.

Im Grunde weiß ja auch niemand, wofür man den Föderalismus braucht.

Doch nach den Lachern der Eröffnungsszene gelingt es der Inszenierung nicht, den Zuschauer zu fesseln und auch die Dynamik zwischen den Schauspielern geht direkt verloren. So wirken Britta und ihr Ehemann steif und unemotional, besonders in den Szenen kleiner Zärtlichkeiten. Ewa Rataj passt rein optisch mit dem strengeren Haarschnitt bis zur Schulter und dem hochgeschlossenen Rollkragenpullover optimal in die Rolle der zynischen und intelligenten Britta Söldner. Allerdings hören mit der Optik auch die Gemeinsamkeiten auf. Es gelingt Rataj nicht die berechnende und kalte Britta zu porträtieren, sie bleibt monoton, einseitig, ohne charakterliche Tiefe und sorgt durch auffällig viele Versprecher ständig dafür, dass sowohl sie, als auch das Publikum aus der Illusion des Stückes gerissen werden.

Ihr Geschäftspartner und Computernerd Babak (Marcel Zuschlag) ist in seiner Darstellung ebenso oberflächlich und uneindringlich, weshalb die meisten Dialoge der beiden so viel Spannung haben, wie die Spielszenen der Kinder der Ehepaare. Nachdem ein Attentat auf einen Flughafen verübt wird, versuchen Britta und Babak herauszufinden, wer dafür verantwortlich ist und ob ihnen eine andere Firma Konkurrenz macht. Im Zuge ihrer Ermittlungen wirbeln sie immer mehr Staub auf und geraten zunehmend in einen Strudel aus Verfolgungswahn und Zukunftsangst. Ihr einziger Ausweg laut Babak: Die markante Julietta. Die erste Frau im Selbstmordprogramm.

Wir können nicht die Polizei rufen, wir sind nicht die Guten.

Allerdings bleibt die Darstellung der Julietta durch Anna Döing (in einer Doppelrolle) flach und monoton. Julietta, die im Roman als Sinnbild der Weiblichkeit mit hartem Charakter und noch härterem Todeswunsch porträtiert wird und Britta und Babak immer wieder an die Wand stellt, wird durch Döing eher wie ein gelangweilter Teenager interpretiert, der nicht viel mehr kann, als mit Schimpfworten um sich zu schmeißen.

Zwischen Britta, Babak und Julietta formt sich ein Team, welches sich gemeinsam der Herausforderung stellt, gegen eine neu formierte Selbstmordorganisation namens "Empty Hearts" zu bestehen. Zusätzlich zu dem Chaos und der Sorge um die eigene Geschäftsidee taucht im Haus von Britta auch noch der seltsame Unternehmer und Energielinienspürer Guido Hatz auf (Stefan Hermann). Leider wird dessen Verrücktheit und Eindringlichkeit durch seine Aufmachung im Stil einer Low-Budget Graf Dracula Kostümierung geschmälert und fällt damit aus dem Rahmen der sonst so perfekten oberen Mittelstandsdarstellung von Kostümbildnerin Martina Suchanek.

Des einzige Anker des Einsembles ist  Daniel Seniuk in der Rolle des Ehemannes von Britta. Es ist schade, dass die modern gestaltete Inszenierung von Daniela Kranz über wenig Spannung verfügt und trotz der kurzen Spielzeit etliche Längen hat, die allerdings nicht den Dialogen, sondern den Darstellern geschuldet sind.

Leere kann man nicht auskotzen. Leere muss man füllen.

Das ETA versucht am Zahn der Zeit zu bleiben und ist anderen Theatern mit dem Griff nach Juli Zeh um einiges voraus, allerdings scheitert die Inszenierung daran, die im Roman vorherrschenden Gefühle von Beklemmung und Zukunftsangst weiter wirken zu lassen, als bis zum Rand der Bühne. Das Publikum bleibt unberührt. Eine moderne Inszenierung, die von den Darstellern nicht getragen wird.
 

Bildnachweis: 
Martin Kaufhold
Comment